Wie ein Ritt auf dem Rodeo Bullen
Lukas Irmler und Friedi Kühne haben es geschafft: Sie sind die neuen Weltrekordhalter für die höchste Slackline, die je über Grund gelaufen wurde. Wie man auf die Idee kommt, dafür zwei Heißluftballone zu nutzen und wie es sich „da oben“ anfühlt, erzählt uns Lukas Irmler im Interview.
Lukas, erstmal Glückwunsch zum Guinness Weltrekord! Was für eine krasse Leistung: Ihr seid auf 2.500 m Höhe eine Slackline gelaufen, die zwischen zwei Heißluftballons gespannt war. Wie kommt man denn auf so eine Idee?
Danke! Na ja, es ist so: Mit den höchsten Klippen über einen Fjord in Norwegen erreicht man „nur“ etwa 1.000 m, damit ist die natürliche Grenze erreicht. Flugzeuge und Hubschrauber scheiden wegen ihrer Geschwindigkeit aus. Somit war der Heißluftballon die logische Konsequenz.

Lukas Irmler aus Oberbayern holte sich bereits zahlreiche Weltrekorde und andere Rekorde auf der Slackline.
Wie oft bist du denn schon in deinem Leben Heißluftballon gefahren?
(lacht) Vor diesem Projekt noch nie! Für den Rekord hatten wir einen Testlauf – das war meine allerallererste Ballonfahrt überhaupt und dann eben am Rekordtag selbst. Das war also zusätzlich auch noch recht aufregend für uns
Unglaublich! Das heißt, ihr wusstet überhaupt nicht, was da auf euch zukommt. Ist es in dieser Höhe denn sehr viel anders als z.B. über einem Fjord?
Ja, es ist vollkommen anders, als alles, was wir jemals als Slackline gelaufen sind. Die Ballonkörbe sind – im Gegensatz zu Felsen – bewegliche Objekte und schwingen nach. Sie bewegen sich permanent, wodurch die Ankerpunkte fehlen. Die Leine kannst du auch nicht straff spannen. Durch die verschiedenen Luftschichten beim Aufstieg sind die Ballone in eine Rotationsbewegung gekommen, wir haben uns echt gefühlt wie auf einem Karussell – das war anfangs ziemlich erschreckend. Man kann sich das wie einen Ritt auf dem Rodeobullen vorstellen. Auch diese Leere unter einem und das Fehlen der visuellen Orientierung macht es noch viel wackeliger. Obwohl die Slackline nur 20 m lang war, würde ich sagen, dass sie zu den schwierigsten meiner bisherigen Karriere zählt.

Lukas: „Es war die dynamischste Slackline, die ich je erlebt habe. Wir sind über uns hinausgewachsen und dieser Weltrekord ist dafür die Belohnung.“

Zuletzt hatte Brasilien im Jahr 2021 den Rekord in einer Höhe von ca. 1.900 Metern aufgestellt.
Wie konntet ihr denn dann darauf trainieren?
Fast gar nicht. Wir haben beim Übern an der Leine gerüttelt und sie in Schwingungen versetzt. Aber was dich da oben wirklich erwartet, konnten wir nicht simulieren.
Legende oder Wahrheit: Du hast mit der Highline begonnen, um deine Höhenangst in den Griff zu bekommen?
Wahrheit! (lacht) Auch wenn ich mir das heute kaum noch vorstellen kann. Aber als ich auf meine erste Highline – 5 m über dem Boden – gestiegen bin, hatte ich die erste Panikattacke meines Lebens. So richtig mit kalten Schweißausbrüchen, Verlust über die eigene Kontrolle, Todesangst …

Die höchste Highline Italiens am Grand Paradiso lief Lukas 2021 während des 7 Summits Projekts, bei dem er und sein Team die höchsten Berge der 7 Alpenländer bestieg – natürlich mit der Slackline im Gepäck.
… wieso bist du wieder draufgestiegen?
Das war eine Art Trotzreaktion. Ich wollte meiner Angst nicht nachgeben und habe das als Ansporn genommen. Ich habe mich dann immer wieder mit dieser Situation konfrontiert, um mich ganz langsam daran zu gewöhnen, Vertrauen aufzubauen und die Kontrolle wieder zu gewinnen. Also habe ich positive Erlebnisse geschaffen, wie z.B. dass ich zumindest im Sitzen schon mal beide Hände von der Leine lösen konnte. Das hat mir Selbstbewusstsein gegeben.
Hast du deine Angst nun besiegt oder gehört sie auf einer Highline einfach dazu?
Ich würde sagen, ich habe auf jeden Fall die Kontrolle über meinen Körper und Geist wiedergefunden. Angst sehe ich wie ein Spektrum oder Kontinuum, das wir verschieben können. Ich versuche sie soweit nach unten zu drehen, dass ich meine Ideen verwirklichen kann und sie mich nicht einschränkt. Der Respekt vor einer Gefahrensituation sollte aber nie verloren gehen.

Im Sonnenuntergang balanciert Lukas zum berühmten Candelstick, einer Felsnadel vor der Küste Tasmaniens, die für ihre steilen Felsklippen bekannt ist.
Kannst du mir die Gefühle, die du auf einer Highline hast, beschreiben?
Wenn ich mich wohlfühle, ist es ein absolutes Gefühl von Freiheit! Man hat eine unglaubliche Aussicht, man ist an einem Ort, an dem man als Mensch auf keinen Fall hingehört. Dadurch hat es auch etwas Magisches an sich. Und kann auch zu einem absoluten Flow-Erlebnis führen, bei dem man alles um sich herum extrem geschärft wahrnimmt. Meistens bin ich in diesem Moment einfach wunschlos glücklich.
Lieber Lukas, wir wünschen dir noch ganz viele solcher Momente!
Interview & Text: Jenny Röcker
Fotos: ©Valentin Rapp, ©Lukas Barth, @Jochen Schweizer Erlebnisse
Guinness Weltrekorde:
• Höchste Slackline der Welt – 2,5 km über Grund zwischen 2 Heißluftballonen (2024)
• Längste Slackline der Welt mit 2 km (2019 & 2021)
• Längste Strecke mit Augenbinde (2019)
• Längste Slackline über Wasser (2017)
• Tiefste Highline der Welt (2016)
• Die meisten Korean Buttbounces (2012)
Record Holders Republic Rekorde:
• Die meisten Hammock Rolls (2020)
• Höchste Highline zwischen zwei Kränen (2019)
Weitere Rekorde / Leistungen:
• Handstand auf der Highline (2020)
• Erste Highline an Eisfällen (2018)
• Höchste Highline der Welt (2013 & 2017)
• Erste Highline an den Victoria Fällen (2014)
• Erster Luke-Skywalker Trick (2013)
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Mai 26